„Für manche Rollen ist man einfach zu alt.“

Ingrid Steeger im Interview
Foto: Rebecca Reive © Mathias Rätsch

Ingrid Steeger wurde am 1. April 1947 geboren. Große Bekanntheit erreicht die Schauspielerin durch die Kult-TV-Serie „Klimbim“. Heute spielt Ingrid Steeger erfolgreich Theater, gibt unterhaltsame Lesungen und ist gern gesehener Gast in Talk-Shows. Im Interview mit Mathias Rätsch erzählt sie, warum man das Leben einer Schauspielerin nicht mit anderen Leben vergleichen kann, was sie von Schönheitsoperationen hält und welche Inschrift ihr Grabstein einmal haben soll.

 

Seit über 40 Jahren sind Sie erfolgreiche Schauspielerin, die in Deutschland nahezu wirklich jeder kennt. Mit der legendären Kultserie „Klimbim“ wurde das Format, welches heute unter dem Begriff „Comedy“ auf allen Kanälen läuft, praktisch erfunden. Der Spiegel hat Sie als deutsche „Mini-Marilyn“ gefeiert, bei der Tragödie, Klamauk und Charakter immer eng beieinander lagen. Nach allen Höhen und Tiefen: Wie schafft man es, über einen so langen Zeitraum bekannt zu bleiben?


Ingrid Steeger: Manchmal denke ich, ich kann das Leben einer Schauspielerin nicht mit anderen Leben vergleichen. Ich hatte das unverschämte Glück mit „Klimbim“ von einem auf den anderen Tag groß herauszukommen. „Klimbim“ geht mir immer voraus und „Klimbim“ und Ingrid Steeger gehören zusammen. Klimbim hat man nicht vergessen und dadurch hat man auch Ingrid Steeger nicht vergessen. Man kann das alles natürlich auch umgekehrt sehen. Die Kunst ist es natürlich tatsächlich, sich in meiner Branche lange zu halten. Ehrlich gesagt weiß ich nicht, wie ich das geschafft habe. Ich kann es Ihnen wirklich nicht sagen. Aber es ist immer noch so, dass das Publikum mich mag. Die Menschen haben sehr interessiert an meinem Leben teilgenommen – in einigen Phasen etwas zuviel an meinem Privatleben, aber das ist eben der Preis. Man muss sich als Schauspielerin offen darlegen; ob man will oder nicht. Ich kann sagen: Die Menschen haben mit mir gelebt, mich aber auch leben lassen.
 
In den frühen Anfängen Ihrer Karriere haben Sie sich sehr offenherzig präsentiert. Heute sagen Sie „Ich ziehe mich doch nicht mehr vor anderen aus!“ Wenn Sie die junge Ingrid Steeger aus den wilden Siebzigern mit dem erfahrenen Menschen von heute vergleichen: Welche typische Charaktereigenschaften hat sich über die Jahre nicht geändert?


Ingrid Steeger: Was mich leider – oder Gott sei dank – auszeichnet ist meine große Ehrlichkeit. Ehrlichkeit ist nicht immer unbedingt zum eigenen Vorteil. Aber genau deswegen mögen mich die Menschen und deswegen mag ich mich. Natürlich hat sich seit den Siebzigern viel geändert. Die Medien sind einfach gigantischer geworden. Dazu zählt heute das Internet, aber auch die Bedeutung von Fernsehen und Zeitschriften ist viel größer geworden. Als bekannte Person ist man im Vergleich zu früher noch viel durchsichtiger geworden. Heute sitzt man praktisch für die Öffentlichkeit wie in einer Art gläsernen Käfig.

 

Ingrid Steeger im Interview, Foto: Rebecca Reive © Mathias Rätsch
Foto: Rebecca Reive © Mathias Rätsch

Wie schwierig ist es für Schauspielerinnen Ihrer Generation in den betont „jugendlichen“ Branchen wie Film und Fernsehen interessante Engagements zu bekommen?


Ingrid Steeger: Es gibt eher Rollen für ältere Männer. Ein Schauspieler kann mit siebzig in einer Rolle noch Vater werden oder eine dreißig Jahre jüngere Geliebte haben. Männer dürfen auch alt aussehen. Frauen dürfen das nicht. Es sei denn man ist wirklich schon achtzig, aber auch dann gilt es selbstverständlich, auf sein Äußeres zu achten. Manchmal werden sicherlich vor der Besetzung einer Rolle Fragen gestellt wie „Ist die noch vorzeigbar oder nicht?“ oder „Sieht sie noch gut aus?“. Man rutscht irgendwann in das „Noch“-Alter.
 
Fühlten Sie sich aufgrund Ihres Alters schon einmal beruflich diskriminiert?


Ingrid Steeger: Ganz pragmatisch gesagt: Für manche Rollen ist man einfach zu alt. Das sollte man dann natürlich auch einsehen. Was ich allerdings konkret erlebt habe sind entsprechende Erfahrungen mit einer Künstleragentur, um die ich mich bemüht habe. Man hat sich über meinen Namen und meine Bekanntheit gefreut, aber dann kam doch: Sie sind leider zu alt. Das ist dann doch verletzend. Die Jungen haben selbstverständlich die größeren Chancen. Bekannte ältere Kolleginnen und Kollegen werden eher für überschaubare Gastrollen eingesetzt – als kleines, noch bezahlbares I-Tüpfelchen. Schlimmer ist es aber für ältere Schauspielerinnen und Schauspieler, die nicht bekannt sind. Die haben in der Branche überhaupt keine Chancen mehr, gute Rollen zu bekommen.
 
Berühmte Filmgrößen setzen sichtbar für ihre Karriere auf Schönheitsoperationen. Ist das typisch amerikanischer Schönheitswahn made in Hollywood oder heutzutage einfach eine unverzichtbare Notwendigkeit für Schauspielerinnen und Schauspieler, um weiterhin in der Film- und Fernsehbranche erfolgreich zu sein?


Ingrid Steeger: Ich finde, es ist inzwischen fast zu einem „Muss“ geworden. Ich will das nicht werten und finde, das kann jeder handhaben wie er will. Allerdings ist es mittlerweile doch so, das die Sechzigjährigen heute wie vierzig aussehen wollen – auch Kolleginnen, die älter sind als man selbst. Also ist man fast leider gezwungen, auch etwas zu tun. Ich gehe davon aus, das ich auch etwas machen lasse; aber natürlich ästhetisch und im Rahmen. Ich will nicht aussehen wie vierzig, aber ich will so aussehen, das man sagt: Okay, wir können sie noch einsetzen. Ich betone das Wort „noch“.
 
Sie sagten einmal, das Sie es nicht gigantisch finden, älter zu werden. Aber älter werden wir natürlich alle. Wie gehen Sie mit dem Alter um und wie sieht Ihre Idealvorstellung für die kommenden Lebensjahre aus?


Ingrid Steeger: Älter werden ist nicht schön. Man kann krank werden. Der Körper ist nicht mehr der jüngste. Jeder einzelne Knochen ist irgendwann alt. Schlimm ist es, wenn man im Alter kein Geld hat und schöner wird man ja auch nicht unbedingt. Das alles zusammen ist nicht gigantisch zu beobachten. Ich persönlich kenne keinen älteren Menschen, der Ihnen erzählt: Älter werden ist eine wunderbare Sache. Ich finde aktiv zu sein sehr wichtig. Das hängt allerdings auch von der eigenen Gesundheit ab. Man muss aufpassen, das man nicht vereinsamt und das man sich nicht zurückzieht. Was ich mir vorstellen kann, ist eine Wohngemeinschaft zu gründen – mit Kolleginnen und Kollegen aus der Branche, die auch gedanklich ruhig noch in der Branche weiterleben können. Wichtig ist es, das man nicht allein ist, sondern stets Leute um sich hat – so daß einer auf den anderen aufpasst. Ich möchte ohne Ängste älter werden. Wenn mir etwas passiert oder ich plötzlich umfalle, möchte ich nicht verletzt und bewegungslos in der Wohnung liegen, sondern es soll natürlich jemand da ist. Es sei denn, man ist sofort tot. Tot ist tot. Das wäre Okay. Dann ist man eben tot. Aber wenn man verletzt hilflos liegen bleibt und nicht mehr aufstehen kann: Das ist für mich ein entsetzlicher Gedanke. Dieser Gedanke schleicht sich leider immer mehr ein, je älter man wird.

Ingrid Steeger im Interview, Foto: Rebecca Reive © Mathias Rätsch
Foto: Rebecca Reive © Mathias Rätsch

In den vergangenen Jahren haben Sie viel Theater gespielt – und sind mit der britischen Komödie „Gatte gegrillt“ oder demnächst wieder mit dem „Kurschattenmann“ bei Publikum und Kritik überaus erfolgreich. Das Theater ist in der Regel ein Ort, an dem alle Generationen anzutreffen sind. Wie interessant es für Sie, mit jungen Kolleginnen und Kollegen zu arbeiten?


Ingrid Steeger: Ich habe auch den Siebzigern mit jüngeren Kollegen gearbeitet. Was soll ich sagen? Manchmal beneide ich sie für das, was sie im Leben noch vor sich haben. Ich freue mich für sie, wenn sie sich in ihren Beruf weiterentwickeln. Von den Jüngeren kann ich allerdings nicht sehr viel lernen. Ich bewundere eher die Gleichaltrigen oder Älteren, weil die oftmals in einem Leben mit Höhen und Tiefen viel erlebt und durchgemacht haben. Die wissen, wie das Leben geht, auch wenn es manchmal sehr hart war. Die Jüngeren müssen da erst noch durch.
 
Kann man mit dem Wissen aus den eigenen Erfahrungen eigentlich jüngere Kolleginnen und Kollegen unterstützen oder lebt man doch eher in unterschiedlichen Welten?


Ingrid Steeger: Manchmal tun mir die jungen Kolleginnen und Kollegen unendlich leid. Es gibt einfach sehr viele Schauspielerinnen und Schauspieler, die auf den Castings oftmals schlecht behandelt werden. Von den Medien werden sie schnell nach oben geschossen und landen genauso schnell wieder unten. Ich kann denen aber auch nicht viel Hoffnungen machen und würde Ihnen rückblickend auch nicht raten, den Schauspielberuf unbedingt zu ergreifen.
Ich versuche manchmal Tipps oder die richtigen Telefonnummern weiter zu geben, aber im Grunde müssen die da selbst durch. Junge Menschen sind ja so voller Drang, das sie das bestimmt auch gut schaffen und nach „oben“ kommen. Nach „oben“ kommen wollen viele, aber wie man sich dort halten kann, dazu habe auch ich leider keinen Tipp.
 
Der Komiker Woody Allen sagte einmal „Ich habe keine Angst vor dem Tod. Ich möchte nur nicht dabei sein, wenn es passiert.“ Haben Sie eine ähnlich sarkastisch-ironisch distanzierte Beziehung zum Tod oder beschäftigen Sie sich schon heute damit, was danach sein wird?


Ingrid Steeger: Man sollte sich mit dem Tod auseinandersetzen, allein schon deshalb, weil mit den Jahren viele gute Freunde um einen herum sterben. Ich habe mich eine lange Zeit mit Esoterik beschäftigt, dann damit aufgehört und wieder angefangen. Ich glaube an ein Leben nach dem Tod und auch an die Wiedergeburt. Ich bin aber nicht unbedingt begeistert davon. Man fängt ja ganz von vorn an und muss dann durch alle Untiefen – aber auch Freunden – erneut durch.
 
In der Presse wurde behauptet, das Sie bereits vor Jahren Ihren Grabstein erworben haben. Stimmt das?

 

Ingrid Steeger: Ja, das ist fast richtig. Bei meiner Auswahl habe ich allerdings nicht direkt an den Tod gedacht. Ich gehe gern über Friedhöfe und schaue mir die alten Gräber und  Grabsteine an. Die waren im Vergleich zu heute einfach viel schöner. Grabsteine sind heute kalt und lieblos. Ich dachte mir, ich will einen schönen Grabstein, aber auch keinen, der wie ein heutzutage typischer Grabstein aussieht. Ich habe mir eine riesengroße Schnecke ausgesucht – eigentlich ein schwerer, großer Gartenstein. Ich betrachte die Schnecke nicht wirklich als Grabstein, sondern eher als ein Kunstwerk.
 
Wenn es eine Inschrift geben sollte: Welche Worte hätten Sie für die Nachwelt über sich vorgesehen?


Ingrid Steeger: Ich finde inzwischen den Titel von meiner Biographie richtig gut: „...und find es wunderbar! Ingrid Steeger“ Aber das kann sich täglich natürlich noch ändern.
 
Frau Steeger, wir danken Ihnen ganz herzlich für dieses Gespräch.

 


© Mathias Rätsch, Rätsch Communications.

 

 

 

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